Barrierefrei-Funktionen

,,Mein Wunsch ist, dass in naher Zukunft nicht mehr über Schiedsrichterinnen gesprochen werden muss – wir sind ja keine andere Spezies“
  11.11.2021 •     Handball BW , Allgemein , Schiedsrichter , Verein


Bereits mit 15 Jahren begann Tanja Kuttler (damals Schilha) ihre Schiedsrichterkarriere. Kurz darauf bildete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Maike ein Schiedsrichtergespann. Seither sind die beiden nicht mehr aus der Bundesliga wegzudenken. Im Interview erzählt sie von den Besonderheiten der Liqui Moly HBL und darüber welches Potenzial die steigende Tendenz der weiblichen Schiedsrichtergespanne für unsere Sportart hat.

Hallo Tanja, wie kamst du dazu Schiedsrichterin zu werden?

Ich bin in einer Handballer-Familie groß geworden. Als ich klein war wurde nie gefragt, ob ich am Wochenende in die Handball-Halle mitmöchte, sondern mit wem – Mama oder Papa. Mir hat das immer großen Spaß gemacht und so habe ich mich bereits sehr früh zu 100% dem Handball verschrieben.
Ich war aktive Spielerin – meist in mehreren Mannschaften gleichzeitig, habe Jugendmannschaften trainiert, Vereinsaktionen organisiert und zu guter Letzt als Not am Mann war eben auch den Schiedsrichter-Schein gemacht. Hier ging es mir in erster Linie darum, dem Verein in einer Not-Situation zu helfen.

Wie haben sich deine Anfänge gestaltet?

Ich habe den Schiedsrichter-Schein gemeinsam mit einigen Freundinnen gemacht. Die Kurse haben entsprechend großen Spaß gemacht. Mit den ersten Spielen kam dann die große Veränderung für mich als Mannschaftssportlerin: Ich war total auf mich allein gestellt. In meinen Anfangszeiten gab es noch keine „Patensysteme“ – d.h. Schiedsrichter-Neulinge wurden gänzlich allein auf die Reise geschickt. Das war für mich eine komplett neue und zugegebenermaßen unschöne Situation. Ich bin froh, dass sich hier im Schiedsrichterwesen in der Zwischenzeit sehr vieles positiv entwickelt hat und die heutigen Neulinge nicht mehr auf sich allein gestellt sind.

Wie kann man sich einen Spieltag aus Sicht eines Schiedsrichters vorstellen?

Hier haben wir eine gewisse Spieltags-Routine. Je weiter der Spielort von unserem Heimatort entfernt ist, desto früher reisen wir an – oft auch schon am Vortag. Im Auto bzw. Flugzeug unterhalten wir uns über die bevorstehende Aufgabe: SpielerInnen, TrainerInnen, zu erwartende Abwehrsysteme, usw.
 

Spätestens zwei Stunden vor Anpfiff kommen wir dann in der Halle an.Nach dem allgemeinen „Hallo“ und einem Kaffee stimmen wir uns nochmals kurz mit dem Delegierten des Spiels ab und gehen dann 60 Minuten vor Spielbeginn gemeinsam in die technische Besprechung.
Nach der technischen Besprechung begeben wir uns in die letzte Konzentrationsphase, in der wir unsere Ruhe brauchen. Umziehen – Haare machen – Erwärmung – ein letzter Gang in die Kabine und dann ab aufs Spielfeld.

Heute pfeifst du in der stärksten Liga der Welt. Was zeichnet diese Liga aus? Wo liegen die Besonderheiten bei den Spielen?

Woche für Woche in der Liqui Moly Handball Bundesliga auf der Platte zu stehen ist wohl der Traum eines jeden Handball-Schiedsrichters mindestens in ganz Europa. Die Liga bringt aber auch einen enorm großen Druck für die Schiedsrichter mit sich. Nirgends auf der Welt sind die Hallen bei jedem Spiel so gut besucht. Zudem wird seit einigen Jahren jedes einzelne Spiel im TV übertragen – das bringt zusätzlichen Druck für die Schiedsrichter mit sich - hierbei darf vor allem die Reichweite dieser TV-Übertragungen nicht unterschätzt werden. Die Spiele werden weit über die deutschen Grenzen hinaus von Handball-Fans und Funktionären verfolgt.
Bei all dem Druck, der die Liga mit sich bringt, sind wir froh in einer solch starken Liga arbeiten zu dürfen - für unsere internationalen Aufgaben gäbe es keine bessere Vorbereitung.

Als reines Frauengespann pfeift ihr in einer Liga mit vielen Emotionen und großem Druck? Wie kommt ihr in dieser ,,Männerwelt“ zurecht?

Wir legen großen Wert darauf, dass wir ein Schiedsrichter-Team wie jedes andere sind – und auch so behandelt werden wollen. Mit allen Vor- und Nachteilen. Wir haben im Allgemeinen das Gefühl, dass uns zwischenzeitlich alle unmittelbar am Spiel beteiligten auch genauso wahrnehmen.

Warum glaubst du, gibt es so wenig weibliche Schiedsrichterinnen und hast du eine Idee wie man das ändern könnte?

Ich bin generell davon überzeugt, dass wir auf einem sehr guten Weg sind, was das Thema „Schiedsrichterinnen“ angeht. Wenn ich an meine Anfangszeiten zurückdenke, war ich selbst im Landesverband ein absoluter Ausnahmefall. Selbst bei Jugendspielen glaubten mir viele Beteiligte nicht, dass ich wirklich als Schiedsrichter für das Spiel vorgesehen bin. Heute ist es in den meisten Ligen schon Alltag, dass eine Schiedsrichterin ein Spiel leitet.
Je „normaler“ Frauen auf der Platte sind, desto einfacher gestaltet sich der Weg für die Kolleginnen– das motiviert auch Schiedsrichterinnen-Nachwuchs zur Pfeife zu greifen. Uns wurde in unseren jungen Jahren beinahe nichts zugetraut – die Männer, die gleichzeitig mit uns mit dem Pfeifen angefangen haben sind in großen Schritten an uns vorbeigezogen, während wir in den unteren Ligen geparkt wurden. Das war frustrierend und führte beinahe dazu, dass wir die Pfeife schon früh wieder an den Nagel hängen wollten.
Natürlich sind die Frauen nach wie vor in der Minderheit – aber die Tendenz stimmt in meinen Augen! Mein Wunsch ist, dass in naher Zukunft nicht mehr über Schiedsrichterinnen gesprochen werden muss – wir sind ja keine andere Spezies. Nur wenn eine absolute Gleichbehandlung gewährleistet ist – und dabei spreche ich ausdrücklich nicht nur von den Vorteilen – besteht eine Chancengleichheit und immer mehr Frauen werden nicht nur zur Pfeife greifen, sondern auch am Ball bleiben!

Ihr pfeift sowohl Spiele der Liqui Moly HBL, als auch der HBF worin liegt der Unterschied?

Jeder Wettbewerb, aber auch jedes Spiel innerhalb eines Wettbewerbs bringt andere Herausforderungen mit sich. Pauschalisieren lässt sich das schwer– am offensichtlichsten ist vielleicht das Thema „Stellungsspiel“. Die Größe der Spieler*innen hat großen Einfluss auf unser Stellungsspiel. Im Schnitt sind die Spieler in der HBL deutlich größer als die Spielerinnen in der HBF. Entsprechend müssen wir uns unterschiedlich auf dem Feld bewegen, um optimale Sicht auf die Dinge zu haben.

Bei der Leitung eines Handballspiels geht es schon lange nicht mehr nur um die Einhaltung der Regeln. Welche weiteren Aufgaben sind für ein Schiedsrichtergespann dazu gekommen?

Ein gutes Spielmanagement ist das A und O. Viele Situationen sind in unserem schnellen Sport nicht „schwarz“ oder „weiß“ zu bewerten. Die Herausforderung für uns Schiedsrichter ist es dabei die „grauen“ Pfiffe ausgeglichen unter den Teams zu verteilen, um kein Gefühl des Ungleichgewichts bei einer der Mannschaften entstehen zu lassen.

Gibt es einen Moment in deiner Karriere, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Das lässt sich tatsächlich nicht auf einen Moment reduzieren. Es gibt verschiedene Höhepunkte, die ich sicherlich nie vergessen werde. In unseren frühen Jahren im DHB waren wir beispielsweise für ein Jugend-Final4 in Kappelwindeck nominiert. Das Turnier war super organisiert und eine volle Halle hat die Arbeit der Teams über die Saison hinweg auf eine großartige Art gewürdigt. Für uns war es das erste Mal, dass wir auf der Platte vor einem Spiel die deutsche Nationalhymne gehört haben. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen – Gänsehaut pur!
Aber auch Erlebnisse wie unser Einsatz bei der Afrika Meisterschaft im Kongo, unser Einsatz beim Final4 der Frauen in Budapest vor 12.000 Zuschauern oder auch unser erstes Spiel in der Liqui Moly HBL bleiben wohl für immer in toller Erinnerung.

Kannst du bei all den Spielen auch einmal vom Handballsport abschalten? Wenn ja, wie?

Das lässt sich kurz beantworten. Wenn ich nach Hause komme und mich mein zwischenzeitlich beinahe 1-jähriger Sohn anlächelt, ist ganz schnell alles vergessen, was mit Handball zu tun hat